Kennst Du das? Eine Aktie in Deinem Depot steht 40 % im Minus. Tief im Inneren weißt Du, dass das Geschäftsmodell wackelt, aber Du kannst einfach nicht auf „Verkaufen“ klicken. „Nur noch, bis ich wieder beim Einstandskurs bin“, flüstert Dein Ego. Willkommen in der gefährlichsten Psychofalle der Börse: Der Sunk Cost Fallacy. Wer hier nicht lernt, die Reißleine zu ziehen, wird niemals Souverän investieren.
Darüber unterhalten wir uns heute:
- Was ist die Sunk Cost Fallacy? Die Psychologie des "Guten Geldes"
- Die Prospect Theory: Warum wir für Hoffnung alles riskieren
- Die Break-Even-Lüge: Das Ego als schlechter Buchhalter
- Opportunitätskosten: Der unsichtbare Rendite-Killer
- Strategien der Profis: Wie Ulrich Müller & Norman Welz "jäten"
- Der 3-Schritte-Exit: Dein Befreiungsschlag
1. Was ist die Sunk Cost Fallacy? Die Psychologie des "Guten Geldes"
Die Sunk Cost Fallacy (Trugschluss der versunkenen Kosten) beschreibt die menschliche Tendenz, eine Investition allein deshalb fortzuführen, weil man bereits Ressourcen (Geld, Zeit, Herzblut) investiert hat.
An der Börse begehen wir den fatalen Fehler, den Wert eines Investments an dem Preis zu messen, den wir bezahlt haben, statt an dem Wert, den es heute hat. Dein Ego flüstert Dir ein: „Wenn ich jetzt verkaufe, war alles umsonst.“ Doch die Wahrheit ist hart: Das Geld ist bereits ausgegeben. Ob Du das Asset hältst oder verkaufst, ändert nichts daran, dass diese Kosten „versunken“ sind. Die einzige relevante Frage für die Zukunft ist: Wo ist Dein restliches Geld ab jetzt am besten aufgehoben?
2. Die Prospect Theory: Warum wir für Hoffnung alles riskieren
Warum handeln wir so irrational? Die Verhaltensökonomik (Daniel Kahneman) liefert mit der Prospect Theory die Erklärung. Wir Menschen sind im Bereich der Gewinne risikoscheu (wir nehmen den kleinen Spatz in der Hand), aber im Bereich der Verluste werden wir plötzlich zu riskanten Zockern.
Wenn Du im Minus stehst, feuert Dein Innerer Bodyguard Warnsignale ab. Um den Schmerz des realisierten Verlusts zu vermeiden, gehst Du paradoxerweise ein höheres Risiko ein: Du hältst die fallende Aktie in der Hoffnung auf eine Erholung. Du wirfst „gutes Geld dem schlechten hinterher“. Dieses asymmetrische Empfinden von Schmerz und Freude sorgt dafür, dass Anleger ihre Gewinner zu früh verkaufen und ihre Verlierer bis zum bitteren Ende aussitzen.
3. Die Break-Even-Lüge: Das Ego als schlechter Buchhalter
Der Satz „Ich verkaufe erst, wenn ich meinen Einstandskurs wieder habe“ ist ein psychologisches Schutzschild. Dein Ego möchte keine Fehlentscheidung eingestehen. Es will die „weiße Weste“ bewahren.
Das Problem: Der Markt ist kein Wesen, mit dem man verhandeln kann. Dem Chart ist Dein Einstandskurs völlig egal. Er „weiß“ nicht, wo Du gekauft hast. Wenn Du auf den Break-Even wartest, handelst Du nicht nach Marktanalyse, sondern nach Schmerzvermeidung. Wahre Finanzielle Souveränität bedeutet zu erkennen: Dein Depotstand heute ist Deine neue Startlinie. Alles andere ist emotionale Fiktion.

Löse den Anker Deines Egos: Die Sunk Cost Fallacy fesselt Dein Kapital an fallende Kurse. Nur wer lernt, sich von versunkenen Kosten zu befreien, gewinnt die Freiheit, wieder in profitable Chancen zu investieren.
4. Opportunitätskosten: Der unsichtbare Rendite-Killer
Was die meisten Anleger bei der Sunk Cost Fallacy völlig übersehen, sind die Opportunitätskosten. Während Du darauf wartest, dass eine "Leiche" in Deinem Depot von -50 % wieder auf 0 % steigt (was eine Verdopplung des Kurses erfordert!), ziehen die echten Raketen am Markt an Dir vorbei.
Wer souverän investieren will, stellt sich die Frage: "Wenn ich heute 10.000 € Cash hätte, würde ich sie in diese fallende Aktie stecken?" Wenn die Antwort "Nein" lautet, ist jeder Tag, an dem Du die Aktie hältst, eine aktive Entscheidung gegen eine bessere Rendite woanders.
Während Du darauf wartest, dass eine "Leiche" in Deinem Depot von -50 % wieder auf 0 % steigt , ziehen die echten Raketen am Markt an Dir vorbei.
5. Strategien der Profis: Wie Ulrich Müller & Norman Welz "jäten"
Profis ersetzen Hoffnung durch Prozesse.
- Ulrich Müller (System): In der Finance Mastery lernst Du, dass ein Stop-Loss Deine Lebensversicherung ist. Ein souveräner Investor definiert den Ausstieg, bevor er kauft. Wenn die Strategie nicht aufgeht, wird die Position ohne Diskussion liquidiert. Das System schützt Dich vor Deinem eigenen Ego.
- Norman Welz (Mindset): Er zeigt Dir in seinem Buch "Tradingpsychologie", wie Du die Identifikation mit Deinem Depot löst. Ein Verlust ist kein Urteil über Deinen Wert als Mensch, sondern eine Information des Marktes. Wer seine Gelassenheit trainiert, kann Verluste wie eine Versicherungsprämie betrachten: Man zahlt sie, um das große Ganze zu schützen.
6. Der 3-Schritte-Exit: Dein Befreiungsschlag
Möchtest Du Dein Depot heute von emotionalem Ballast befreien? Nutze diesen radikalen Check:
- Die Überweisungs-Simulation: Stell Dir vor, jemand hätte Deine Verlustposition über Nacht verkauft und Dir den Gegenwert in Cash aufs Konto überwiesen. Würdest Du heute morgen genau diese Aktie mit diesem Geld wieder kaufen?
- Investment-Case-Audit: Existieren die Gründe noch, aus denen Du ursprünglich gekauft hast? Wenn sich das Fundament geändert hat (Managementfehler, Marktverschiebung), gibt es keinen Grund mehr zu bleiben – egal bei welchem Kurs.
- Die 1%-Regel: Akzeptiere, dass kleine Verluste zum Handwerk gehören. Ein Gärtner muss Unkraut jäten, damit die Blumen Platz zum Wachsen haben.
Fazit: Schneide die Verlierer ab
Die Sunk Cost Fallacy zu besiegen, ist der Moment, in dem Du vom Spielball zum Akteur wirst. Es erfordert Mut, sich dem eigenen Ego entgegenzustellen und zu sagen: „Ich lag falsch.“ Aber genau in diesem Eingeständnis liegt Deine größte Stärke. Nur wer den Anker der Vergangenheit kappt, kann die Segel für die Gewinne von morgen setzen.
