Januar 15

by Yücel Yanaz

Stell Dir vor, Du betrittst morgens das Büro oder startest den ersten Video-Call des Tages. Spürst Du diesen feinen, fast unmerklichen Druck in Deiner Brust? Es ist das Gewicht der Maske, die Du glaubst, tragen zu müssen. Viele Führungskräfte verbringen 80 % ihrer Energie damit, eine Rolle zu spielen: Den Unfehlbaren, den Allwissenden, den harten Entscheider. Doch hier ist das Paradoxon der modernen Führung: Je perfekter Deine Fassade ist, desto weniger Menschen werden Dir folgen. Wahre Souveränität entsteht erst, wenn Du lernst, wie authentisch führen funktioniert. Es ist der Moment, in dem Du die Ritterrüstung ablegst und feststellst, dass Deine nackte Präsenz weitaus mächtiger ist als jede künstliche Autorität.

Das erfährst du in diesem Beitrag über authentische Führung:

  1. Das große Missverständnis: Authentisch führen ist kein „Seelen-Striptease“
  2. Die Psychologie der Maske: Warum Dein Ego nach Schutz schreit
  3. Verletzlichkeit als strategische Machtposition (Brené Brown Effekt)
  4. Der Malik-Faktor: Professionalität vs. Schauspielerei
  5. Die schmale Linie: Authentizität vs. Manipulation
  6. Praxis-Guide: Wie Du im Alltag authentisch führen lernst
  7. Fazit: Deine Wirkung in der Welt


1. Das große Missverständnis: Authentisch führen ist kein „Seelen-Striptease“

Oft wird Authentizität mit emotionaler Grenzenlosigkeit verwechselt. Wer denkt, authentisch führen hieße, jede Laune, jeden Zweifel und jeden privaten Frust ungefiltert über das Team zu gießen, irrt gewaltig. Das wäre nicht authentisch, sondern schlicht unprofessionell und würde Dein Team destabilisieren. Mitarbeiter brauchen einen Leader, keinen Patienten.

Echte Authentizität im Management ist die Übereinstimmung von inneren Werten und äußerem Wirken unter Berücksichtigung Deiner professionellen Rolle. Es geht nicht darum, alles zu zeigen, was Du denkst oder fühlst. Es geht darum, dass das, was Du zeigst, echt ist.

  • Authentizität ohne Professionalität führt zu Chaos und Orientierungslosigkeit.
  • Professionalität ohne Authentizität wirkt wie eine kalte Maschine und führt zu Misstrauen.

Ein souveräner Leader nutzt seine Persönlichkeit als Werkzeug. Wie wir in der Souverän führen gelernt haben: Leadership ist ein Beruf. Und zu diesem Beruf gehört es, die eigenen Emotionen so zu regulieren, dass sie dem gemeinsamen Ziel dienen – ohne dabei die eigene Identität zu verleugnen. Wenn Du wütend bist, ist es authentisch zu sagen: „Ich bin gerade verärgert über diesen Prozessfehler“, statt den Choleriker zu spielen oder die Wut passiv-aggressiv wegzulächeln.


2. Die Psychologie der Maske: Warum Dein Ego nach Schutz schreit

Authentisch führen: Ein Leader legt die Maske der Perfektion ab und gewinnt Vertrauen.

Wer den Mut hat, authentisch führen zu können, schafft den Raum, in dem Höchstleistung durch Vertrauen statt durch Druck entsteht.

Warum fällt uns das „Maske abnehmen“ so unendlich schwer? Die Antwort liegt tief in Deinem Ego. Dein Ego ist darauf programmiert, Dich vor Ablehnung und Statusverlust zu schützen. In Deinem Kopf existiert ein veralteter Bauplan von Führung aus dem Industriezeitalter: „Wenn sie merken, dass ich unsicher bin, verliere ich meinen Status.“

Hier greift Dein Innerer Bodyguard ein. Er ist davon überzeugt, dass Du eine unnahbare Mauer bauen musst, um respektiert zu werden. Er lässt Dich in einem Meeting nicken, obwohl Du die Strategie nicht verstanden hast. Er lässt Dich Kritik aggressiv abwehren, statt sie als wertvollen Datenpunkt zu nutzen.

Der Teufelskreis der Fassade:

  1. Du trägst eine Maske, um stark zu wirken.
  2. Dein Team spürt die Distanz und wird vorsichtiger.
  3. Informationen fließen nicht mehr ehrlich zu Dir.
  4. Du triffst schlechtere Entscheidungen, was Deine Angst steigert – und Deine Maske noch dicker werden lässt.

Erst wenn Du lernst, Deinen Inneren Kritiker zu besänftigen, kannst Du den Mut aufbringen, authentisch zu führen. Souveränität bedeutet zu wissen, dass Dein Wert als Mensch nicht von der Perfektion Deines Bildes abhängt.


3. Verletzlichkeit als strategische Machtposition

Die Forscherin Brené Brown hat mit ihren jahrzehntelangen Studien bewiesen, dass Verletzlichkeit kein Zeichen von Schwäche ist, sondern der Ursprung von Mut, Innovation und Bindung. Im Leadership-Kontext ist Verletzlichkeit ein massiver Beschleuniger für Vertrauen.

Wenn Du als Chef sagst: „Ich habe dieses Projektrisiko falsch eingeschätzt. Das war meine Fehlentscheidung. Ich brauche jetzt Euren Input, wie wir das gemeinsam korrigieren“, dann passiert etwas Revolutionäres im Raum:

  • Psychologische Sicherheit: Du gibst die Erlaubnis, Fehler zu machen. Wenn Du fehlbar sein darfst, darf es das Team auch. Das ist der einzige Nährboden für radikale Innovation.
  • Entlastung des Leaders: Du musst nicht mehr die titanische Last tragen, unfehlbar zu sein. Das stärkt Deine Innere Freiheit und Deine psychische Gesundheit massiv.
  • Echte Loyalität: Menschen verbinden sich nicht mit Positionen, sie verbinden sich mit Menschen.
Authentisch führen heißt, die eigene Menschlichkeit als Brücke zu nutzen, statt sie als Hindernis zu sehen.


4. Der Malik-Faktor: Professionalität vs. Schauspielerei

Fredmund Malik würde sagen: Management ist die Transformation von Ressourcen in Resultate. Wenn ein Manager Zeit darauf verwendet, ein Image zu pflegen, ist das eine Verschwendung von Ressourcen. Wer authentisch führt, ist effizienter, weil er keine Energie für das „Rollenmanagement“ verbraucht.

Malik unterscheidet strikt zwischen „Persönlichkeit“ (die man hat) und „Professionalität“ (die man lernt). Authentizität bedeutet für Malik nicht, sein Privatleben auszubreiten, sondern als Person hinter den beruflichen Entscheidungen zu stehen. Wer unpopuläre Entscheidungen delegiert mit den Worten „Ich persönlich sehe das ja anders, aber die Geschäftsführung will das so“, verliert seine Authentizität und seine Wirksamkeit. Authentisch führen heißt, auch bei Widerstand die eigene Verantwortung zu bejahen.

Mehr zu Fredmund Malik und das Management von Organisationen in diesem Video:

Führen ohne Maske: Fredmund Malik über das Management von Organisationen

5. Die schmale Linie: Authentizität vs. Manipulation

In der modernen Management-Literatur wird oft „strategische Authentizität“ gelehrt – das künstliche Einbauen von kleinen, kontrollierten Schwächen, um nahbar zu wirken. Das ist eine Form von Manipulation erkennen. Menschen haben ein feines Gespür für Unaufrichtigkeit; sie riechen das „geplante Geständnis“.

Echte Authentizität ist nicht manipulativ, weil sie kein Ziel verfolgt, außer der Klarheit. Sie ist die Basis für Souveräne Kommunikation. Nur wenn Du meinst, was Du sagst, haben Deine Worte Gewicht. Manipulation ist ein Werkzeug der Angst – Authentizität ist ein Werkzeug der Freiheit.


6. Praxis-Guide: Wie Du im Alltag authentisch führen lernst

Der Weg zur Maskenfreiheit ist ein Prozess, kein Ereignis. Hier sind vier konkrete Hebel für Deinen Führungsalltag:

A. Den „Ego-Moment“ identifizieren

Achte in Meetings darauf, wann Dein Körper sich anspannt. Meist ist das der Moment, in dem Dein Ego sich bedroht fühlt. Wenn Du merkst, dass Du eine Antwort gibst, nur um klug zu wirken, obwohl Du unsicher bist: Halte inne. Sag: „Ich merke gerade, ich will hier glänzen, aber eigentlich habe ich die Antwort nicht. Was denkt Ihr?“ Das ist authentisch führen in Reinform.

B. Radikale Verantwortungsübernahme

Hör auf, Dich hinter „Man-Sätzen“ oder der Hierarchie zu verstecken. Nutze Deine Stimme. Ein souveräner Leader, der zu seinen Werten steht, auch wenn es unbequem wird, erzeugt Respekt. Das korreliert direkt mit Deiner Wirksamkeit in der Welt.

C. Feedback als Spiegel nutzen

Frage Dein Team (wenn das Vertrauen bereits wächst): „In welchen Momenten wirke ich auf Euch wie eine Funktion und nicht wie ein Mensch?“ Das erfordert extrem viel Gelassenheit, ist aber die ultimative Abkürzung zu echter Führungspersönlichkeit.

D. Die Sprache der Souveränität

Nutze Ich-Botschaften statt allgemeiner Floskeln. Statt „Die Moral im Team muss besser werden“, sag: „Ich nehme eine gedrückte Stimmung wahr und das macht mir Sorge, weil mir unsere Zusammenarbeit wichtig ist.“


7. Fazit: Deine Wirkung in der Welt

Am Ende Deiner Karriere wird man sich nicht an Deine PowerPoint-Folien oder Deine Quartalsberichte erinnern. Man wird sich daran erinnern, wie Du als Mensch warst. Ob Du Rückgrat hattest, ob man Dir vertrauen konnte und ob Du den Mut hattest, Dich echt zu zeigen.

Authentisch führen ist der einzige Weg, um eine tiefgreifende Wirkung zu entfalten. Es macht Dich nicht nur zu einem besseren Leader, sondern zu einem freieren Menschen. Die Maske mag Dich kurzfristig vor Kritik schützen, aber sie isoliert Dich auch von Deinem Team und Deinem Potenzial. Lege sie ab – Deine wahre Souveränität wartet bereits dahinter.

Nächste Schritte für Deine Leadership-Reise:

Leseempfehlung:

Buchcover Fredmund Malik - Führen Leisten Leben

"Führen - Leisten - Leben" von Fredmund Malik

Der Klassiker für echte Wirksamkeit in der Führung und Leadership: Wer genug hat von vagen Motivationsfloskeln und stattdessen ein fundiertes System für professionelle Führung sucht, kommt an Fredmund Malik nicht vorbei. Sein Standardwerk ist kein „Wohlfühl-Buch“, sondern eine präzise Anleitung für das, was Management im Kern ausmacht: Resultate erzielen.


Über den Autor

Yücel Yanaz

„Als ehemaliger Marketing-Insider und Agenturgründer hat Yücel Yanaz jahrzehntelang studiert, wie das menschliche Ego auf Trigger reagiert.

Heute nutzt er dieses Wissen als Begründer der EGO GO HOME-Methode, um Menschen aus der Falle der Selbstsabotage zu befreien. Er ist Experte darin, unbewusste ‚Glücks-Obergrenzen‘ zu sprengen und den ‚unsichtbaren Beifahrer‘ liebevoll auf den Rücksitz zu verbannen.

Sein Ziel: Echte innere Freiheit und Souveränität jenseits von Leistungsdruck und Ego-Strategien.“

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